Zwei liebe Freunde bitten uns, sie im Jänner nach Kroatien zu begleiten. Sie zählen zu den modernen „Best Agern“, sprich: beide sind in ihren Achtzigern.
Christian, emeritierter Professor der Wiener Filmakademie und Oscar-nominierter Kameramann. Seine Frau Marika, international bekannte Schauspielerin, mittlerweile ganz Diva. Zu viert, plus Border Terrier Wanda und reichlich Gepäck, quetschen wir uns in Christians Renault. Ziel ist der verträumte Fischerort Nerezine auf der Insel Lošinj. Autofahren ist für die beiden mühsam geworden, deshalb fungieren Wolf und ich als Backup-Crew: Verrutscht etwas, sind wir zur Stelle.
Unser einwöchiger Aufenthalt beginnt wenig verheißungsvoll – mit einem Stromausfall. Ohne Elektrizität lässt sich das alte, ausgekühlte Steinhaus nicht heizen und kochen funktioniert auch nicht. Also düsen wir nach Mali Lošinj, auf der Suche nach heißem Frühstückskaffee. Die wenigen offenen Lokale sind klein und voll, draußen sitzt man bei prickelnden zwei bis drei Grad und beißendem Wind. In der Nachsaison liegen die Glücksmomente des Reisens, sagt man doch. Oder?
Ich könnte jetzt weit ausholen – über Overtourism und antizyklisches Reiseverhalten. Darüber, dass ich nicht noch mehr zum sommerlichen Gedränge an der Adria beitragen möchte. Dass es längst Strategie europäischer Metropolen von Amsterdam bis Salzburg ist, auf die Vorzüge der kühleren Jahreszeit hinzuweisen. Und natürlich der Vernunftgrund: Die Sommer im Süden sind ohnehin zu heiß, also fahren wir besser im Winter ans Meer. Nicht wahr?
Im malerischen Veli Lošinj hat überhaupt alles zugesperrt. Kein einziges Lokal ist offen, alle Fensterläden verriegelt. Wahrscheinlich gönnen sich die Einheimischen eine Pause, bevor die Touristen wieder eintrudeln. Es ist hier so entschleunigt, dass es fast schon unter Detox fällt.
Für das richtige Nachsaison-Gefühl braucht es allerdings ein wenig Übung. Zum Beispiel: in die Landschaft oder aufs Meer starren, zu verwaisten Häfen spazieren, die putzigen Fischerhäuser von Pogana bewundern – und sich bewusst machen, wie voll es hier im Sommer sein wird. Ich mag Orte ohne Touristen, wenn sie ihr echtes Gesicht zeigen: rostige Scheibtruhen, Wohnwägen ohne Räder, abgedeckte Boote. Dazwischen blühender Stechginster, Bäume voll Zitronen und Orangen. Einfach herrlich.
Der eigentliche Grund unseres Besuchs in Nerezine ist weniger idyllisch: ein zäher Nachbarschaftsstreit. Über Generationen war es selbstverständlich, dass der Zugang zur Haustür unserer Freunde über das Grundstück der Nachbarn führte. Doch plötzlich passt das nicht mehr. Anwälte werden eingeschaltet, sogar eine Dame vom Gericht schaut vorbei. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass Christian und Marika ein kleines Stück Garten an der Rückseite ihres Hauses abgeben und dafür im Gegenzug das Servitutsrecht behalten. Opfer auf beiden Seiten. Klingt kompliziert. Ist es auch. Doch als wir abreisen, haben sich die Wogen geglättet, die zerstrittenen Parteien mit Slivovitz angestoßen – und man redet wieder miteinander. Auftrag erfüllt.
Als wir von Nerezine zur Fähre nach Merag fahren, sehe ich kein einziges Auto im Rückspiegel. Niemand hinter uns. Niemand vor uns. Plötzlich die Erkenntnis: Unsere diffusen Zweifel an einer Rückkehr in die Adria mit unserer Nomad sind wie weggewischt. Im überfüllten Sommer werden wir hier höchstwahrscheinlich nicht segeln. Aber im Winter – das wissen wir jetzt – gehört die Adria uns allein. Was für ein schöner Gedanke.
P.S.: Wir lernten Christian Berger (www.christianberger.at) und Marika Green im Jänner 2001 in Mali Lošinj kennen. Damals nahmen sie bei kräftiger Bora unsere Leinen an. Vier Jahre später besuchten uns die beiden in Chile, Patagonien. Aus dieser gemeinsamen Zeit an Bord der Nomad entstand der Film „Seenomaden – Leben mit dem Wind“. Wer die Doku noch nicht kennt, dem schicken wir sie gerne gegen eine Spende entweder als altmodische DVD oder als MP4-Datei mittels Datentransfer zu.