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Das Fest

veröffentlicht am: 30. Juni 2026 | Doris Renoldner

Es gibt sie wirklich - diese aus der Zeit gefallenen Inseln. Gaua in den Banks Islands im Norden Vanuatus ist eine von ihnen. Was sie so besonders macht? Das, was fehlt.

Keine Marinas, keine Bars, keine Restaurants, keine Hotels, keine Geschäfte – und keine Touristen! Stattdessen einsame Buchten, in die sich nur selten eine andere Yacht verirrt. Dabei birgt die nahezu kreisrunde, gebirgige Insel eine enorme Naturgewalt. Mit dem 797 Meter hohen Mount Garet beherbergt sie einen der gefährlichsten Vulkane Vanuatus. Nur eine dünne Felsschicht trennt seine Magmakammer vom schwefelhaltigen Kratersee Letas.

Nach neunstündiger holpriger Überfahrt von Port Olry auf Espiritu Santo erreichen wir Gaua am späten Nachmittag. Unser Anker fällt in der Lakona Bay, dem südlichsten Ankerplatz an der Westküste. Vom schwarzen Sandstrand unter Dschungelwänden löst sich ein Auslegerkanu und paddelt zu uns hinaus. „Welcome! We are so happy that you are here!“, begrüßt uns Sandy und erzählt voller Freude, dass wir in diesem Jahr erst die zweite Yacht seien, die hier vorbeikommt. Doch das eigentliche Glück, sagt er lächelnd, sei das große Fest. „Morgen feiern wir das 100-jährige Jubiläum unserer Kirche. Ihr müsst unbedingt kommen.“ Sandy ist klein, drahtig und voller Energie. Bei uns im Cockpit trinkt er warme Milch mit Zucker und fragt etwas verlegen, ob wir vielleicht eine Lesebrille für ihn hätten. Tatsächlich finden wir eine, die passt.

Sandy mit seiner Enkeltochter

Am nächsten Morgen flitzen wir mit dem Dingi die knappe Meile zum Strand unterhalb des Dorfes Ontar. Ein Dorf wie aus einem Südseemärchen. Die meisten Häuser bestehen aus Naturmaterialien: geflochtene Bambuswände, Dächer aus Pandanusblättern, auf denen hier und da ein kleines Solarpanel liegt. Nur die Kirche ist aus Beton und bis auf den letzten Platz gefüllt. Große Kinderaugen beobachten uns neugierig, die Erwachsenen nicken uns freundlich zu. In unseren Ohren klingt die theatralisch vorgetragene Predigt streng und ermahnend. Erst nach zähen zweieinhalb Stunden endet die Messe und das Fest beginnt. Zusammen mit den Chiefs der umliegenden Dörfer gehören wir zu den Ehrengästen und bekommen Blumenkränze umgehängt. Reden werden geschwungen, Geschenke überreicht, Kinder und Frauen tanzen zu moderner Musik aus Lautsprechern. Unwillkürlich fragen wir uns, woher der Strom kommt.

Auf dem Dorfplatz wartet inzwischen ein großes Buffet. Neben Taro, Maniok und Brotfrucht gibt es Reis, Fisch, Huhn sowie Berge von Papayas, Grapefruits und Kokosnüssen. Wir fühlen uns sehr willkommen. Zum ersten Mal seit Langem sind wir wieder Reisende und nicht bloß Besucher. Europa scheint plötzlich unendlich weit entfernt.

Traditionelle Häuser in Ontar, Insel Gaua

Am Nachmittag beginnen die Kastomtänze, die traditionellen Tänze der Männer. Einige verwandeln sich in Buschgeister. In lange grüne Blätter gehüllt, mit Masken vor den Gesichtern und Stöcken in den Händen laufen sie durchs Dorf. Frauen und Kinder kreischen und flüchten vor ihnen. Die genaue Bedeutung des Rituals bleibt uns verborgen. Es erinnert uns ein wenig an einen Perchtenlauf. Andere Tänzer tragen kunstvoll verzierte Hüte und haben Nussschalen um die Fußgelenke gebunden, die bei jedem Schritt rasseln. Sie hüpfen und stampfen im Kreis zum schnellen Rhythmus eines Tamtams, eines Schlitzgongs aus Bambus. Dazu singen sie und werfen Blätter in die Luft. Es herrscht eine magische Atmosphäre. Das Dorf scheint für einen Moment in eine andere Zeit zu fallen.

Am Abend kehren wir überwältigt und tief berührt zu unserem schaukelnden Boot zurück. Wir sind so erschöpft, dass uns selbst das heftige Rollen nichts mehr ausmacht. Als Segler lernt man, die Ankerplätze zu nehmen wie das Leben. Mal sind sie unruhig und unbequem, mal friedlich und still. Und manchmal schenken sie einem etwas Unbezahlbares – den kurzen Blick in eine andere Welt.

Kastomtänze im Dorf Ontar, Insel Gaua

Ankerplatz in der Lakona Bay:

Position: 14 Grad 18,79´ Süd / 167 Grad 25,91´Ost

Tiefe: 6 Meter, schwarzer Sandgrund

Der Ankerplatz ist sehr offen und entsprechend exponiert, dennoch unbedingt einen Stopp wert. Hier kann man auch bei Dunkelheit ankommen, da keine Felsen oder Riffe im Weg liegen.

Nördlich der Lakona Bucht befinden sich vier Dörfer, das größte davon heißt Ontar.

Gemeinsam mit dem dänischen Einhandsegler Lars ankern wir in der Lakona Bay

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