Auf der Insel Ndendo kann es tagelang regnen. Blicke ich vom Cockpit zum Ufer, sehe ich meist nur Wolken, die über dem dampfenden Dschungel hängen.
Doch manchmal gibt es Ausnahmen, dann schenkt das weiche Licht der Morgensonne der Insel ihre Farben zurück. Wir sind vom Norden Vanuatus zu den Salomonen gesegelt, dem drittgrößten Archipel im Südpazifik. Knapp südlich des Äquators erstreckt er sich über 1000 Meilen bis hinauf nach Bougainville in Papua Neuguinea. 992 Inseln gehören dazu – von winzigen Korallenatollen bis zu mächtigen Vulkangipfeln.
Zum Einklarieren kommen Wilson von der Immigration und George vom Zoll an Bord. Zehn Minuten später ist der Papierkram erledigt. Unbürokratisch, schnell und freundlich. Woran wir uns allerdings erst gewöhnen müssen, sind die rot verfärbten Zähne und Münder der beiden Beamten. Sie stammen vom Kauen der Betelnuss, einer stimulierenden Droge mit leicht berauschender und euphorisierender Wirkung, die allerdings abhängig machen kann. Das Rauschmittel des Westpazifiks ruiniert außerdem Zähne und Zahnfleisch und erhöht das Krebsrisiko.
Gleich beim ersten Landgang lernen wir Hilda kennen. Sie lebt hier mit drei ihrer sechs Kinder und hat ein großes Herz für Segler. Zur Begrüßung überreicht sie uns einen liebevoll zusammengestellten Willkommenskorb mit Früchten, Gemüse und Blumen. Hilda arbeitet als Lehrerin für Elektronik – und trotzdem funktioniert ausgerechnet ihre Solaranlage nicht. Die Batterien sind schlicht am Ende. Hildas Haus wirkt von der ständigen Feuchtigkeit gezeichnet und verwahrlost. Die Wände sind schimmelig, die Fassade eingeschlagen und nachts spielen die Ratten Fangen. Ihr Mann, erzählt sie uns, baut bereits auf der gegenüberliegenden Buchtseite ein neues Haus für die Familie.
Viel mehr als unseren Ankerplatz bei Shaw Point sehen wir von der Insel Ndendo nicht. Und doch wird sie uns in Erinnerung bleiben. Vor allem wegen Hilda, ihrem wunderbaren Lächeln und ihrer warmen, offenen Ausstrahlung. Denn wie so oft beim Reisen zählen am Ende nicht die Orte, sondern die Menschen, die wir kennenlernen.
Eine ruppige zweitägige Überfahrt mit kräftigem Südostpassat bringt uns nach Santa Ana. An der Westseite der Insel ankern wir in Port Mary, einer halbmondförmigen, riffgeschützten Bucht. Palmen, traditionelle Häuser, das Zirpen der Grillen, Kinderlachen. Und es riecht hier anders. Schwerer, süßer, rauchiger. Irgendwie intensiver.
Ein Mann in einem schmalen Kanu nähert sich und bietet uns schüchtern Trinknüsse zum Tausch an – gegen irgendetwas, das wir an Bord haben. Damit beginnt der rege Tauschhandel, der zu den Salomonen gehört wie die Musik zum Tanzen. Kaum erreichen wir einen neuen Ankerplatz, werden wir ständig von Kanus besucht. Obst, Gemüse, Muscheln, Schnitzereien – alles wird angeboten, getauscht oder verkauft. Meist ist das nett, manchmal spannend und interessant, manchmal aber auch anstrengend und nervig. Wir versuchen immer, höflich zu bleiben. Kleidung, Angelzeug, Taschenlampen, Leinen – solche Dinge geben wir gerne her und helfen auch mit Lebensmitteln wie Reis, Zucker, Milchpulver oder Keksen aus. Vor allem mir fällt es schwer, Nein zu sagen. Wolf hänselt mich grinsend: „Was wirst du nur mit all den Schnitzereien machen?“ Aber wie kann man diesen Menschen einen Wunsch abschlagen, die so wenig haben und alles gebrauchen können?
Wir rudern an Land und werden von einer Schar Kinder zu Chief John geführt. Der 81-Jährige hat Mühe mit dem Gehen. Er erzählt von Kreuzfahrtschiffen, die ein paar Mal im Jahr bei ihnen vorbeischauen und fragt, ob wir zufällig ein Sägeblatt an Bord hätten. Er sei gelernter Tischler und ein gutes Sägeblatt könne man hier nicht einfach im Laden kaufen. Je länger wir mit John plaudern, desto mehr Dinge fallen ihm ein, die er gerne hätte. Um den Druck herauszunehmen, kaufen wir ihm ein weiteres Schnitzwerk ab - eine wirklich originelle Zeremonienschale mit Vogel- und Fischmotiven.
James führt uns um 100 Solomon-Dollar, etwa 11 Euro zur Luvseite von Santa Ana. Dort soll eines der letzten Ahnenhäuser der Salomonen stehen. Nach einer guten Stunde Fußmarsch quer über die Insel erreichen wir Warugutaia. Das ganze Dorf wirkt auf uns wie ein Museum, wie aus einer längst vergangenen Welt. Wir sind sprachlos. Chief Peter wird geholt, ein kleiner, witziger, eloquenter Mann voller Geschichten. Eine davon handelt vom deutschen Einhandsegler Rollo Gebhard, der Santa Ana mehrfach besucht hat. Das muss fast ein halbes Jahrhundert her sein.
Das Ahnenhaus selbst ist eine Rekonstruktion. Das ursprüngliche Gebäude wurde 1971 von einem Hurrikan zerstört. Die meisten Gebeine der verstorbenen Chiefs sollen dabei durcheinander gewirbelt worden sein. Nur wenige Skelette und Totenschädel blieben an ihrem Platz in den eigens dafür geschnitzten Kanus. Eines davon gehörte seinem verstorbenen Onkel. „Er stürzte von einer hohen Kokospalme“ erzählt er lachend angesichts dieser Absurdität. Die restlichen Knochen lagern kunterbunt in einer großen Kiste. Für Frauen ist das Ahnenhaus tabu. Wolf bezahlt 100 Solomon-Dollar Eintritt und darf dafür fotografieren. Chief Peter erzählt uns, dass der Wiederaufbau des Ahnenhauses von den Franzosen finanziert wird. Dabei, sagt er, komme er sich wie ein Bettler vor. Wolf widerspricht ihm: „Nein. Das darfst du so nicht sehen. Wir Weiße geben ein bisschen von dem zurück, was wir früher von euch genommen haben.“