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Das vergessene Atoll

veröffentlicht am: 23. Oktober 2026 | Doris Renoldner

Ich kenne ein vergessenes Atoll im Westpazifik. Es liegt im äußersten Nordosten von Papua Neuguinea.

Das Besondere: Takuu, auch Nukutoa oder Mortlock Island genannt, ist eine polynesische Exklave mitten in Melanesien. Seit zwei Tagen sind wir dorthin unterwegs und Spielball der Elemente. Zunächst müssen wir durch den Hexenkessel der Bougainville Strait, wo Wind gegen Tidenstrom eine ekelige Welle aufbaut und unsere Geschwindigkeit auf lächerliche zwei Knoten reduziert. Jetzt schieben uns 25 Knoten Südwind auf den auflandigen, unvermessenen Atollpass zu. Links und rechts der unscheinbaren Öffnung im Riff brechen sich die Wellen. Insgeheim frage ich mich: Warum tun wir uns das an? Mein Puls schnellt auf 180. Wolf versucht, mich zu beruhigen: „Laut Satellitenbild sollte der Pass über 100 Meter breit sein. Das geht schon.“ Wir haben Glück, erwischen Stillwasser und gleiten ungeschoren in die Lagune. Dann biegen wir scharf nach links ab und lassen den Anker hinter dem Außenriff auf 19 Metern Tiefe fallen. Unheimlich - rundherum ist kein Land zu sehen. Das Atoll hat einen Durchmesser von sieben Seemeilen und nur eine Handvoll winziger Inseln, sogenannte Motus.

Der Pass von Takuu bei ruhigem Wetter

Der Wind bläst zu stark, um quer Lagune zu segeln. So begnügen wir uns vorerst mit dem Blick ins Blaue und schnorcheln im unglaublich klaren Wasser. Nach drei Tagen verholen wir uns zum Dorf ganz im Osten des Atolls. Der kleine Inselkrümel könnte einer kitschigen Postkarte entsprungen sein. Als wir mit dem Dingi an Land tuckern, laufen die Kinder bereits aufgeregt am Strand entlang. Neugierig mustern sie uns, schenken uns ihr Lächeln und bringen uns zum Chief. Wir dürfen bleiben solange wir wollen, meint er und freut sich über den Kuchen, den ich ihm überreiche.

Spaziergang durchs Dorf von Takuu

Die Menschen leben hier noch weitgehend traditionell. Sie tragen Laplaps, um die Hüften geschlungene Wickeltücher, und jagen neben Fischen und Schildkröten auch Seevögel wie Tölpel, aus denen sie Suppe kochen. Einen Laden gibt es ebenso wenig wie medizinische Versorgung. Daher werden wir nach Medikamenten gefragt: Schmerztabletten, Salben gegen Hautausschläge und Augentropfen.

Traditionelles Dorf

Blaze, der recht gut Englisch spricht, zeigt uns die Korallenmauern, die sie zum Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel errichtet haben. Seit Monaten hat es in diesem El-Niño Jahr nicht mehr geregnet. Die Wassertanks sind nur mehr halb voll. „Wir wollen unsere Insel nicht verlassen müssen“, sagt Blaze traurig. „Wir sind Fischer. Wir wissen nicht, wie man am Festland oder in den Highlands lebt. Wir gehören hierher. Das ist unsere Heimat.“ Von einst 400 Bewohnern sind nur noch etwa 160 geblieben. Viele sind nach Buka, dem Verwaltungssitz der Provinz Bougainville, gezogen und werden vermutlich nie zurückkehren.

Einer Postkarte entsprungen

Die Regierung lässt Takuu im Stich. Nicht einmal ein Versorgungsschiff schickt sie vorbei. So bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als selbst nach Buka zu fahren - in offenen, völlig überladenen Motorbooten, angetrieben von zwei Außenbordern mit je 200 PS. Für die 150 Seemeilen über den oft rauen Pazifik brauchen sie rund 400 Liter Benzin und etwa zehn Stunden. Ein Himmelfahrtskommando!

Wir sind in dieser Saison das erste Segelboot, das hier vorbeischaut. Deshalb bitten uns die Bewohner, unser Starlink Internet nutzen zu dürfen. Sie kommen an Bord, bringen Trinknüsse und Bananen mit und telefonieren stundenlang über WhatsApp mit Verwandten und Freunden. Cindy, eine junge Frau, bricht in Tränen aus, als sie ihren Mann endlich auf dem Handy-Display sieht. Vor einem halben Jahr ist er zum Einkaufen nach Buka gefahren und seitdem nicht zurückgekehrt. Wie er warten weitere Bewohner von Takuu seit sechs Monaten in Buka auf eine Gelegenheit zur Rückfahrt. Mal ist der Wind zu stark, mal fehlt das Geld für den Sprit, mal lässt sich kein Boot für die halsbrecherische Überfahrt auftreiben. Diese ozeanische Gelassenheit können wir kaum nachvollziehen. Die Menschen begegnen ihrem Schicksal mit stoischer Geduld – und einer Portion Fatalismus.

Besuch an Bord

Ich denke, dass sich die isolierende Weite des Pazifiks nur in der Gemeinschaft ertragen lässt. Doch wie lange hält der bedächtige Pulsschlag dieser Insel dem Druck der modernen Welt noch stand? Die Abgeschiedenheit scheint den Menschen ein wenig Muße zu bewahren, ein Leben im eigenen Rhythmus. Doch auch hier hält der Wandel langsam Einzug. Es ist das alte Gesetz der Vergänglichkeit. Nichts bleibt, wie es war. Nicht einmal im von der Welt vergessenen Takuu.

Sonnenaufgang in Takuu

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